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21. Februar 2021: Brexit – Emotion statt Vernunft

Unsere Genossin Sonja Lesley-Hamblen reagiert sehr nachdenklich auf den Brexit und stellt die Sicht eines Menschen mit britischen und deutschen Wurzeln dar.

Knapp viereinhalb Jahre nach dem Referendum ist nun der Brexit vollzogen. In letzter Minute konnte noch ein ungeordneter Brexit abgewendet werden, und trotz des nun bestehenden Handelsabkommens ist doch ein trauriger und weitgehender Bruch mit der EU vollzogen worden.

Auf die Details des Abkommens und den sehr kurvenreichen Weg dorthin soll an dieser Stelle gar nicht weiter eingegangen werden, da diese Fakten und Nachrichten uns monatelang, ja jahrelang begleitet, sicherlich auch teilweise überfordert (und auch irgendwie genervt) haben.

Interessanter ist doch vielmehr, wie konnte es überhaupt zu diesem Dilemma kommen? Was bewegte die Briten dazu, diesen Weg einzuschlagen und letztendlich nun zu vollenden? Aus meiner Sicht ist das ganze eher eine Verkettung von unglücklichen Faktoren, und eine andere Chronologie der Ereignisse hätte vielleicht auch ein anderes Resultat hervorgebracht. Dennoch muss bleibt am Ende nur zu sagen, die Briten haben den Brexit per Referendum gewählt und auch die Chancen, ihn zumindest politisch noch abzuwenden, liegengelassen.

Da sind wir schon bei der (meiner) ersten Frage; gibt es „die Briten“ überhaupt. Großbritannien besteht aus verschiedenen Nationen und Kulturen, die auch „intern“ nicht einheitlich denken und agieren. Man denke an den langen Nordirland-Konflikt und an die nur knapp abgewendete „Scheidung“ der Schotten vor einigen Jahren.

Zudem gibt es sehr viele verschiedene Bezeichnungen für die Insel, manchmal kommt man schon durcheinander, wer nun eigentlich die EU verlässt. Die Briten? Großbritannien? England?
Die Lösung: Die korrekte Bezeichnung ist „das Vereinigte Königreich Großbritannien und Nordirland“.

Das „vereinigte Königreich“ wird ironischerweise seit 65 Jahren von einer Königin beherrscht, und auch wenn die Bezeichnung durchaus adelig klingt, so ist das ehemalige British Empire nun inzwischen doch nur ein relativ normales, westeuropäisches Land (was noch nicht mal besonders groß ist).

Dennoch steht diese Insel und das „Britishness“ sozusagen für eine Art Marke, und verspricht einen gewissen Mythos.
Gefühlt wird Großbritannien - aus der Ferne - wahrgenommen als ein traditions- und etikettenreiches Kult-Land, mit ehrwürdigen Schlössern und Burgen, traditionellen Tee-Stunden, einer auserwählten Upper Class, und auch ein gewisser Mode-Stil und Benimm-Regeln werden diesem Land zugeschreiben.
Sicherlich sind diese Klischees zum Teil auch richtig und berechtigt, jedoch ist das wirkliche England dann vielleicht für einige, die sich dann doch mal dahin verirren – und dann noch für einige ganz seltene Exemplare, die sich sogar ins England außerhalb Londons verirren - dann gar nicht überall so perfekt aristokratisch. Und es sieht auch nicht überall aus wie in Rosamunde Pilcher Filmen (auch wenn die Landschaft dort wirklich einmalig schön ist), und schon gar nicht geht es so zu. Das Land und die Menschen dort haben (finanzielle) Probleme wie andere Länder auch, und sicherlich weitaus mehr als wir hier in Deutschland haben.

Mein eigener familiärer Hintergrund (halb Deutsche / halb Engländerin) und meine eigene Beziehung (Liebe) zu England, lassen mich somit einige Mutmaßungen anstellen, die nachstehend aus rein persönlicher Sicht aufgestellt werden. Diese sind natürlich mit einem Augenzwinkern gemeint, und sind rein aus dem Bauch heraus zusammengestellt und nicht wissenschaftlich erwiesen :-).

Die doch recht besondere Aufmerksamkeit, die der britische „lifestyle“ genießt, mag eine Ursache sein, dass die Bevölkerung sich selbst im Grunde nach wie vor als etwas „Besonderes“ ansieht. Das British Empire existiert nicht mehr, jedoch haben sich die Briten eine gewisse Sonderstellung erhalten, siehe zum Beispiel die „Einsprachigkeit“, mit der sie eigentlich bis heute überall auf der Welt zurechtkommen.
Der Großteil der Briten hat sich seit dem Beitritt zur EU 1973 wahrscheinlich in der Sache als ein EU-Handelspartner gesehen, aber nicht wirklich als ein EU-Land.
Die Briten waren nie große Freunde der EU, sondern setzen auf Unabhängigkeit und eigene Überzeugungen, dies ist ein Teil ihres Selbstbildes, sozusagen die lange Prägung einer „Inselmentalität“.

Eine gewisse Zurückhaltung - insbesondere auch beim Thema Währung - und ein etwas „gestörtes“ Verhältnis zur EU war unterschwellig immer vorhanden.

Nigel Farage hat mit einer Bewegung, der Gründung der Partei der UKIP (United Kingdom Independence Party) schon in den 90ern den Stein ins Rollen gebracht.(Ironischerweise ist Nigel Farage übrigens mit einer Deutschen verheiratet).

Es sind hauptsächlich Wähler des rechten Flügels der Torys zu den UKIP abgewandert, die UKIP erreicht in der Unterhauswahl 2015 knapp 13% der Stimmen und wurde somit drittstärkste Partei. Somit begann die „Leave“ Kampagne, die die UKIP sich als Haupt-Ziel gesetzt hatte.

Letztendlich findet man in jeder Gesellschaft einen gewissen Unmut, eine gewisse Unzufriedenheit mit der politischen Situation, sei es das Wirtschaftsgeschehen, die Schulbildung, die Steuern oder die Rente…. Wenn man die Bevölkerung fragt, würde wohl in keinem Land das Ergebnis lauten, dass alles super ist, man zufrieden sei und alles so bleiben soll wie es ist.

Was also passiert sein mag ist, dass der Bevölkerung versprochen wurde, dass durch einen „Leave“ sich Dinge ändern würden, verbessern würden, man zu mehr Unabhängigkeit und mehr Wohlstand für das eigene Land gelangen könnte.
Das unmoralische an der gesamten Kampagne war, dass nichts davon genau beschrieben oder beziffert wurde. Es gab keine Pläne und auch keine Nachweise. Es gab nur die Aussage, dass man die EU verlassen sollte, und nur das wurde letztendlich mit ja/nein abgefragt.

Die „Remain“-Kampagne hatte es, natürlich, sehr viel schwerer, mit „weitermachen wie bisher“ zu überzeugen. Wer möchte schon den Stillstand, wenn eine neue, augenscheinlich bessere Option möglich ist?

Zudem insbesondere die ältere und ländliche Bevölkerung in vielen Dingen sehr skeptisch gegenüber der EU war und ist, und um ihre eigene Gesundheitsversorgung und Rente bangt.

Letztendlich hat die „Leave“-Kampagne einen knappen Sieg eingefahren (51,9%), und seitdem haben sich mehrere Oberhäupter an dem Brexit versucht, letztendlich hat sich Boris Johnson der Sache angenommen (wobei seine Hauptmotivation sicherlich mehr die Möglichkeit war, Premierminister zu werden und der Brexit war sein Ticket), und sie nun mehr oder weniger zu Ende manövriert.

Dieses Ende der Verhandlungen ist jedoch nun der Anfang einer neuen Ära, die nun von beiden Seiten in der Praxis gelebt werden muss, und deren ggf. Nutzen und Schaden wir erst mit der Zeit bewerten können.

Mich persönlich stimmt dieser Abschluß sehr traurig, da formal meine beiden Heimatländer nun geschieden sind.
Der Brexit war eine sehr emotionale Entscheidung der Briten, und denen man diese Entscheidung nicht übelnehmen darf.
Der Engländer an sich ist ein sehr höflicher Mensch und so gestrickt, dass er - in seiner eigenen Gesellschaft - nicht als Person herausragen, sondern dazugehören will.

Daher, wer weiß, ob Großbritannien nicht doch zu der Erkenntnis kommt, dass sie gar nicht (mehr) so „groß“ sind - und vielleicht doch wieder dazugehören wollen.

Sonja Lesley-Hamblen

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